Häusliches Arbeitszimmer eines Selbstständigen

Haas - Steuernachrichten

Nach der aktuellen BFH-Rechtsprechung stellt bei einem Selbstständigen nicht jeder Schreibtischarbeitsplatz in seinen Betriebsräumen zwangsläufig einen zumutbaren "anderen Arbeitsplatz" i.S.d. § 4 Abs. 5 Satz 1 Nr. 6b EStG dar.

Nach § 4 Abs. 5 Satz 1 Nr. 6b Satz 1 EStG besteht ein Abzugsverbot für Aufwendungen für ein häusliches Arbeitszimmer. Diese generelle Abzugsbeschränkung gilt allerdings dann nicht, wenn für die betriebliche oder berufliche Tätigkeit kein "anderer Arbeitsplatz" zur Verfügung steht, § 4 Abs. 5 Satz 1 Nr. 6b Satz 2 EStG. In diesem Fall wird die Höhe der abziehbaren Aufwendungen auf 1.250 EUR begrenzt. 

Kann ein Selbstständiger, der in seiner Praxis über einen Schreibtischarbeitsplatz verfügt, die Kosten seines häuslichen Arbeitszimmers dann bis zu 1.250 EUR abziehen, wenn die Praxisräume für die Erledigung von Büroarbeiten nicht oder nur eingeschränkt geeignet sind? Diese Frage hat der BFH nun geklärt. 

Im Urteilsfall war ein selbstständig tätiger Logopäde in zwei Praxen in angemieteten Räumen tätig, die weit überwiegend von seinen vier Angestellten genutzt wurden. Für Verwaltungsarbeiten nutzte er ein häusliches Arbeitszimmer, weil in der Praxis die Erledigung von Büroarbeiten u. a. wegen der Versorgung der Patienten nur bedingt möglich war. 

Das Finanzamt gewährte keinen Betriebsausgabenabzug für die Kosten des Arbeitszimmers, weil nach seiner Auffassung für die Bürotätigkeit ein anderer Arbeitsplatz zur Verfügung stand. Das Finanzgericht gab der hiergegen gerichteten Klage statt. Es war der Auffassung, dass eine Erledigung der Büroarbeiten in den Praxisräumen - auch außerhalb der Öffnungszeiten - nicht zumutbar sei. Daher gewährte es den Betriebsausgabenabzug der Aufwendungen für das häusliche Arbeitszimmer bis zu dem gesetzlichen Höchstbetrag von 1.250 EUR. 

Dem folgte der BFH. Ein "anderer Arbeitsplatz" i.S.d. § 4 Abs. 5 Satz 1 Nr. 6b Satz 2 EStG ist grundsätzlich jeder Arbeitsplatz, der zur Erledigung büromäßiger Arbeiten geeignet ist. Weitere Anforderungen an die Beschaffenheit des Arbeitsplatzes sind nicht zu stellen. Der "andere Arbeitsplatz" muss aber so beschaffen sein, dass der Steuerpflichtige auf das häusliche Arbeitszimmer nicht angewiesen ist. Soweit die Nutzung des Arbeitsplatzes in einer Weise eingeschränkt ist, dass der Steuerpflichtige in seinem häuslichen Arbeitszimmer einen nicht unerheblichen Teil seiner beruflichen oder betrieblichen Tätigkeit verrichten muss, kommt das Abzugsverbot nach seinem Sinn und Zweck nicht zum Tragen. 

Auch der selbstständig Tätige kann daher auf ein häusliches Arbeitszimmer angewiesen sein. Ob dies der Fall ist, ist anhand objektiver Umstände des Einzelfalls zu klären. Anhaltspunkte können sich sowohl aus der Beschaffenheit des Arbeitsplatzes (Größe, Lage, Ausstattung) als auch aus den Rahmenbedingungen seiner Nutzung (Umfang der Nutzungsmöglichkeit, Zugang zum Gebäude, zumutbare Möglichkeit der Einrichtung eines außerhäuslichen Arbeitszimmers) ergeben. 

Hinweis

Im Streitfall ergab sich aus den tatsächlichen Gegebenheiten (Nutzung der Räume durch die Angestellten, Tätigkeit des Klägers außerhalb der Praxis, die Größe, die Ausstattung, die konkrete Nutzung der Praxisräume durch die vier Angestellten, Vertraulichkeit der für die Bürotätigkeit erforderlichen Unterlagen und den Umfang der Büro- und Verwaltungstätigkeiten) eine Unzumutbarkeit der Nutzung der Praxisräume als außerhäusliches Arbeitszimmer.      

Fundstelle

BFH-Urteil vom 22.02.2017 III R 9/16, Pressemitteilung Nr. 26/17 vom 19.04.2017

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